Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini

Verlag: Piper Verlag (2. September 2011)
Seitenzahl: 208
ISBN: 978-3-492-05475-1


Der Italiener Fabrizio Collini lebt seit über dreißig Jahren unauffällig in Deutschland. Unauffällig, bis er einen angesehenen, großen Industriellen in einem Luxushotel kaltblütig ermordet. Seine erste Pflichtverteidigung scheint ein Glücksfall für den noch jungen Anwalt Casper Leinen zu sein, doch Collini gesteht und schweigt. Über das Motiv kann nur gerätselt werden. Leinen steht vor einer großen Aufgabe, denn als Küken unter den erfahrenen Anwälten muss er sich erst behaupten. Als Leinen erfährt, dass es sich bei dem Mordopfer um den Großvater seines verstorbenen besten Freundes handelt, stellt ihn der Fall Collini jedoch vor einer noch größeren Herausforderung.

Der Fall Collini ist mit knapp 200 Seiten ein kurzes Lesevergnügen, und dennoch taucht der Leser tief in die Geschichte von gleich drei Persönlichkeiten ein, die unterschiedlicher nicht sein könnten: zum einen der Strafverteidiger Casper Leinen, dann der Angeklagte Fabrizio Collini und auch zum Mordopfers Hans Meyer erfährt der Leser mehr. Dabei ist die Handlung nicht vorhersehbar, der Fall bleibt bis zum Schluss scheinbar unlösbar.

Der Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach ist dafür bekannt, einen Mörder nicht als Mörder, sondern auch als Mensch darzustellen. Warum wird ein Mensch zum Mörder? Und kann jeder zum Täter werden? Dass sind nur zwei der Fragen, die mir während des Lesens durch den Kopf gegangen sind. Ferdinand von Schirach schreibt dabei so sachlich, wie man es von einem Juristen erwartet. Gleichzeitig schafft er es jedoch auch, eben mit diesen Texten Mitgefühl und – wenn auch bedingt – Verständnis zu wecken. Sowohl als Autor als auch als Strafverteidiger ist von Bedeutung, Menschen zu verstehen und Handlungen nachvollziehbar zu machen. Mit Der Fall Collini ist es gelungen, den Leser diese Bedeutung klar zu machen.

Ich habe zuvor bereits Verbrechen gelesen und seitdem schätze ich den Autor Ferdinand von Schirach, denn er öffnet mir als Leserin die Welt der Art Außenseiter, die ich in meinem realen Leben nicht kenne und auch nicht kennen lernen möchte. Und trotzdem ist die Moral der Geschichten, dass jeder unter gewissen Umständen zu Mörder werden kann.

Quelle Foto: Piper Verlag

Anthony Marra: Die niedrigen Himmel

Die niedrigen Himmel von Anthny Marra SuhrkampOriginaltitel: A Constellation of Vital Phenomena
Verlag: Suhrkamp Verlag (17. Februar 2014)
Seitenzahl: 489
ISBN: 978-3-518-42427-8


Als der Vater der 8-jährigen Hawah von den Föderalen verschleppt und das Zuhause verbrannt wird, rettet ihr Nachbar Achmed das Leben des kleinen Mädchens.  Es ist 2004 und Tschetschenien erlebt den zweiten Krieg. Häuser werden verbrannt und Menschen verschwinden. Es ist klar, dass Hawah in ihrem kleinen Dorf im Nordkaukasus nicht mehr sicher ist. Achmed bringt Hawah zu Sonja, der einzigen Ärztin im einzigen Krankenhaus der Umgebung, doch Sonja nimmt das Mädchen nur widerwillig auf. Sie selber ist auf der Suche nach ihrer Schwester Natascha. Das Leben ist nicht leicht, und sie alle kämpfen täglich nicht nur ums reine Überleben.

Anthony Marra, Jahrgang ’84, beschreibt, welche Wunden der Krieg in Tschetschenien auf den Menschen hinterlassen hat und welchen Einfluss dieser Krieg auf das Leben der Menschen ausübt. Dabei beschreibt Marra die Personen, Orte und Handlungen poetisch und in seitenlangen Sätzen, ohne dabei an Klarheit und Ausdrucksstärke zu verlieren.

Die Handlung von Die niedrigen Himmel umfasst nur fünf Tage des Jahres 2004, doch in diesen fünf Tagen lernt der Leser das Schicksal der Protagonisten bis ins Detail kennen. Durch die Erinnerung dieser Menschen wird ihre eigene Geschichte erzählt. Sie reichen zurück bis ins Jahr 1994 – Dem Jahr, in dem der erste tschetschenische Krieg begann.  Der Autor vergisst bei all den Trümmern nicht seinen Humor uns setzt diesen präzise an den richtigen Stellen des Romans ein. Manchmal darf der Leser sogar einen winzigen Blick in die Zukunft werfen.

Marra erzählt von einer Welt, in der nichts sicher ist. Die uns so fern ist und dennoch erschreckend nah. Es geht um Verrat und um Vertrauen, aber auch um das Vergessen und die Erinnerung an jene Menschen, die aufgrund der Grausamkeit anderer Menschen gehen mussten.

Das Buch nimmt einen mit. Ich habe dank des fiktiven, aber gut recherchierten Romans von Anthony Marra einen guten Einblick in die Geschichte eines Landes erhalten, das mir zuvor viel zu fremd war. Eine Leseempfehlung!

Quelle Foto: Suhrkamp Verlag

Benjamin Lebert: Mitternachtsweg

Verlag: Hoffmann und Campe (12. August 2014)
Seitenzahl: 240
ISBN: 978-3-455-40437-1


Johannes Kielland, Student und Aushilfe in einem Spielwarenladen, liebt mystische Geschichten. Als ein Toter am Strand von Sylt aufgefunden wird und dessen Identität nicht geklärt werden kann, verfasst Kielland einen Zeitungsartikel, der veröffentlicht wird. Kurz darauf meldet sich eine Frau, die behauptet, der Tote wäre ihr vermisster Geliebter. Sie bittet Kielland, die mysteriösen Umstände aufzuklären. Plötzlich wird der junge Student selbst hineingerissen in das fremde Schicksal, das bald auch ihn mit dem Tod bedroht.

Benjamin Lebert braucht eigentlich keine spannenden Geschichten, um seine Romane zu schreiben. Die Art und Weise, wie er die Wörter zusammensetzt, ist spannend genug. Nur wenige Autoren benutzen die deutsche Sprache so poetisch und spannend wie Lebert, ohne dass das Lesen anstrengend wird.

Spannend und zugleich romantisch ist jedoch auch die Handlung des Buches, die im Roman durch drei Perspektiven und Zeiten erzählt wird.  Mitternachtsweg hat mich auch deshalb schnell in den Bann gezogen, weil die Erzählungen teilweise verwirren. Die Mischung aus Mythen, Sylt und diese wunderbare Erzählweise macht dieses Buch so besonders, dass es unglaublich schwierig ist, passende Worte für eine Rezension zu finden. Am besten solltest du das Buch selber lesen. Sofort.

 Quelle Foto: Hoffmann und Campe