„Kannst du lesen?“

Gestern fragte mich im Bus eine Frau, ob ich denn lesen kann. Sie meinte nicht das Lesen im Allgemeinen, ich hatte ja ein Buch in der Hand. Was die ältere Frau neben mir wirklich meinte war so etwas wie „wie kannst du denn verdammt nochmal auch nur ansatzweise vernünftig einen Satz lesen, bei den ganzen laute Gelaber der Menschenmassen?!“. So in der Art.

Ich wohne in Hamburg. Jeden Morgen fahre ich vom äußeren Rand der Stadt in Richtung Innenstadt. Genau die Richtung, in die die meisten Menschen zur Arbeit fahren. Nach einer halben Stunde steige ich dann in den Bus, der dann eine der meist befahrenen Busstrecken fährt. Manchmal passen keine Leute mehr in den Bus und müssen dann auf den nächsten Bus warten, in der Hoffnung, dass sie dann reinpassen.

Ja, es ist laut und im Sommer auch noch warm. Es gibt Orte, an denen ich lieber bin und Orte, an denen ich lieber lese. Auf der Couch, im Garten, im Bett. Fakt ist aber, dass ich mindestens zehn Stunden die Woche in öffentlichen Verkehrsmitteln sitze und das ein gutes Buch mir die Zeit etwas verkürzen kann. Und ja, dann vergesse ich alles um mir herum und kann mich voll und ganz auf die Geschichte in meinen Händen konzentrieren.

„Das ist reine Gewöhnung. Ich bin so viel unterwegs…“ habe ich gestern zu der Frau gesagt, die mir daraufhin erklärte, dass sie so gut wie nie Bus fährt. Ich glaube, ein bisschen Mitleid in ihrem Ton gehört zu haben.

Frage an euch: Könnt Ihr überall lesen oder gehört ihr zu den Menschen, die dafür ihre Ruhe brauchen? Wo liest ihr am meisten – und wo am liebsten?

 

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Ferdinand von Schirach: Verbrechen

Verlag: Piper (1. Oktober 2010)
Seitenzahl: 208
ISBN: 3492259669


Ein freundlicher, alter Arzt, der sich nach Jahrzehnten auf tödlicher Art und Weise von seiner tyrannischen Gattin befreit. Zwei Skinheads, die sich mit dem Falschen anlegen. „Verbrechen“ ist ein Erzählband mit 17 Kurzgeschichten, die beim Leser Gänsehaut auslösen. Ferdinand von Schirach verdeutlicht mit jedem der Geschichten, das jeder Mensch zum Mörder werden kann.

Kurzgeschichten sind schon was schönes. Man kann sie zum Beispiel als kurze zu Bett geh Geschichte lesen oder aber in der Bahn. Letzteres ist hier jedoch nicht zu empfehlen, vor allem wenn man beim Lesen grausiger Geschichten leicht mal das Gesicht verzieht. Wahrscheinlich werden mich meine Mitfahrer so schnell nicht mehr vergessen. Die Sprache, in einem schlicht gehaltenen Ton, unterstützt den kalten Schauer über den Rücken, denn ich in jeder Geschichte gespürt habe.

Ob die Erzählungen wahr sind, kann man bezweifeln, auch wenn dies vom Autor so vermittelt wird. Zumindest müssten die Geschichten soweit geändert worden sein, dass keine Person mehr erkannt werden kann. Nichts desto trotz hat Schirach in seiten Jahren als Verteidiger sicher genug Inspiration für die 17 Geschichten gesammelt.

Ob für unter der Bettdecke oder auf den Strandtuch – auf jeden Fall empfehlenswert!

Quelle Foto: Piper

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Originaltitel: Hundraårigen som klev ut genom fönstret och försvann
Verlag:  carl’s books (29. August 2011)
Seitenzahl: 426
ISBN: 3570585018


An seinem hundertjährigen Geburtstag steigt Allan Karlsson aus dem Fester seines Zimmers, denn auf eine Feier mit den Alten, Schwester Alice und den Lokalreportern im Altenheim hat er nun wirklich keine Lust. Der alte Mann macht sich auf dem Weg seine neugewonnene Freiheit zu genießen – doch bald muss er sich vor ganz Schweden verstecken. Das kann Allan aber nicht verunsichern, denn er hat in seinen 100 Jahren schon einiges erlebt.

Jonas Jonasson hat mit seinem ersten Roman bewiesen, dass er ein großartiger Geschichtenerzähler ist und wie ein Meister mit der Sprache umgehen kann. Während des Lesens springt der Leser von dem Jahr 2005, in dem Allan aus dem Fester steigt, immer wieder zu einzelnen Stationen in Allans Leben. Dabei fängt es mit seiner Geburt an und endet im Jahr 2005. Das Springen in den Zeiten macht das Buch sehr lebendig. Immer wieder habe ich mich gefragt, wie die einzelnen Handelsstränge dann irgendwann zusammen passen, doch nachdem ich das Buch beendet habe, macht diese kuriosen Geschichten hundertprozentig Sinn.

Neben der unglaublichen, aufregenden Geschichte des Allan Karlsson steht eine Sprache, die nicht emotionsloser sein könnte. Paradox? Nein, ganz und gar nicht. Es passt alles zusammen und die feinen Striche ergeben am Ende ein gut durchdachtes Bild.

Das einzige Manko des Romans ist die Länge. Die ersten 200 Seiten verliefen wie im Flug, danach allerdings wurde es langatmig. Nach weiten 100 Seiten wollte ich einfach nur fertig sein. So wundervoll der Roman auch ist – die Art, in dem er geschrieben wurde, passt eher zu einem kürzeren Buch.  Aber nun ja, wie will man die aufregenden 100 Jahre des alten Karlssons auch in 200 Seiten packen?

Auch wenn ich Jonas Jonasson so lobe, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Wibke Kuhn die mehr als 400 Seiten hervorragend übersetzt hat. Die Geschichte lebt von der gleichgültigen Erzählweise des Autors, und ohne die Arbeit von Wibke Kuhn hätten die deutschen Leser entweder auf den Roman verzichten, oder aber Schwedisch lernen müssen.

 Quelle Foto: Random House